Vor Ort überzeugen

Jürgen Söll ist Bürgermeisterkandidat in der Gemeinde Haldenwang. Obwohl dort nur parteilose Ortslisten üblich sind, tritt er für die Grünen an. Nicht jedem gefällt das. Wir haben ihn im Wahlkampf begleitet (von S. Foag)
„Ich weiß schon, wen ich wähle“, sagt der junge Mann mit finsterer Miene. „Wen den?“, will Jürgen Söll herausfordernd wissen. „Das hat Sie nicht zu interessieren.“ Die Tür fällt ins Schloss. Da in den anderen Wohnungen niemand öffnet, wirft Söll seine Flyer in die Briefkästen. Der 54-jährige – hellgraues Haar, freundliches Grinsen, lange Statur – kandidiert in der 2000 Einwohner Gemeinde Haldenwang als Bürgermeister. Er tritt für Bündnis 90/Die Grünen an und bricht so mit einer Gewohnheit. Denn üblicherweise gibt es in der Kommune nur Ortslisten; Parteien werden nicht gewählt. Einige sind von dem Vorstoß wenig begeistert. Außerdem haben bei der vergangenen Europawahl genauso viele Menschen AfD wie Grüne gewählt: 93 und damit 11%.
Das motiviert Jürgen Söll. Er will diskutieren und etwas gegen den gesellschaftlichen Rechtsruck tun. Auf wachsende Ressentiments angesprochen betont er: „Da müssen die Zahlen auf den Tisch.“ Mit Fakten will er die Menschen aus ihrer Blase holen. Deswegen geht er an einem Samstagnachmittag in seinem Nachbarort Konzenberg von Tür zu Tür. Söll schaut sich jede Klingel genau an, bevor er sie drückt. Manche Namen sagen ihm etwas; viele nicht. „Das ist das Schöne daran. Man lernt die Leute kennen und bekommt ein Gespür dafür, was sie beschäftigt“, meint er. In vielen Fällen öffnet allerdings niemand. Der Himmel ist wolkenlos und in der Ferne sind Faschingswägen zu hören. Das erste längere Gespräch ergibt sich vor einer offenen Garage. Der Bürger erzählt Söll von seinem Elektroauto und den damit verbundenen Vergünstigungen. „Das ist nicht so kompliziert. Man muss sich nur informieren“, betont er. Jürgen Söll hat die Hände in die Hüfte gestemmt und meint: „Ein Elektroauto steht bei mir als nächstes an.“
Sein Motto: Niemand muss spartanisch leben, um etwas für die Umwelt zu tun. Ihm gehören zwei Häuser; in der Garage stehen Auto und Motorrad. Doch sein Kaffee ist fair gehandelt, er ernährt sich vegetarisch und fährt mit dem Fahrrad zur Arbeit. Sein Antrieb ist der Glaube. Gott sollte die Basis eines demokratischen Miteinanders sein, wie er meint. Das heißt für ihn, verantwortungsbewusst zu handeln. Mit einer seiner beiden Töchter hat er einen Fünfjahresplan: Sie wollen Veganer werden. Denn die aktuelle Milchwirtschaft muss verändert werden, was er auf seinen Afrikareisen zu begreifen lernte. Während Menschen verhungern, wird dort Soja für Tierfutter angebaut. Das will er den Leuten vor Augen führen – z.B. in Informationsveranstaltungen oder Diskussionsrunden. „Ich will die Leute vor Ort überzeugen“, meint er und begründet damit, warum er sich auf kommunalpolitischer Ebene engagiert. Er öffnet ein dreiseitiges Faltblatt. Auf der vorderen Seite: Rathaus und Gemeindelogo; innen 33 Köpfe. Es sind die Gemeinderatskandidaten für die Ortslisten. „Man weiß von diesen Leuten nicht, wofür sie wirklich stehen“, meint Söll. Zwar kenne man sie persönlich, aber was sie wirklich bewegen wollen, bleibe unklar. Deswegen tritt er für eine Partei an. Dass seine Liste nicht abgebildet wird, obwohl das offizielle Gemeindelogo auf dem Flyer zu sehen ist, sei justiziabel. Doch dagegen vorgehen will er nicht: „Dann müssen die Leute ein paar Wochen später nochmal wählen und ich bin der Buhmann.“
Daher trägt Söll seine eigenen Flyer aus. In Turnschuhen, Jeans, Daunenjacke und mit einem Stoffbeutel um die Schulter bringt er sie zu jedem Haus. Viele nehmen das Papier maulfaul entgegen, um die Türe wieder schließen zu können. Söll bemüht sich um Dialog. Gelingt das nicht, verabschiedet er sich oft mit: „Entscheiden sie sich richtig.“ Einmal öffnet ihm ein dickleibiger Mann in Unterhose. Auf seiner Brust verläuft eine lange Narbe. Er erzählt, dass er Krebs hat; von Arzt zu Arzt geschickt wird. Jürgen Söll hört ihm zu, äußert sein Bedauern und es entsteht ein Gespräch über schlechte Betreuung im Gesundheitssystem. Als Lehrer für Gesundheitsberufe kennt er sich damit aus. Deshalb ist es ihm wichtig, die Gemeinde frühzeitig auf eine alternde Dorfgesellschaft vorzubereiten. Da es in zehn Jahren viel mehr Rentner geben wird, will Söll geeigneten Wohnraum und Nahversorgung schaffen.
Das ist kein typisch „grünes“ Thema. Doch seine Parteizugehörigkeit wird manche abschrecken, meint der ältere Herr mit Gartenschere unter dem Arm, der sich mit Söll am Hoftor unterhält. Er spricht von Hysterie in der Klimadebatte. Söll erwidert: „Das Problem ist, dass wir die letzten Jahre viel verschlafen haben.“ Schrittweise Veränderungen sind nötig, einigen sie sich. Die ortsübergreifende Parteienliste begrüßt der Gesprächspartner: „Die Leute sollten über den Kirchturm hinausblicken.“ Söll sieht das genauso; denkt und handelt global. Deswegen hat er für vier Jahre einen Flüchtling bei sich aufgenommen. Damit machte er sich auch Feinde. Mehrmals bekam er Drohanrufe. Als seine Kandidatur bekannt wurde, geschah das Gleiche. Etwa fünfmal ist das passiert, doch Jürgen Söll nimmt es gelassen. „Meine Frau bekommt da schon Angst. Ich glaube aber nicht, dass eine reale Gefahr besteht“, sagt er. Insgesamt gäbe es ein angenehmes Klima in der Gemeinde. Man respektiert sich trotz unterschiedlicher Meinung. An der letzten Tür unterhält er sich über das große Designerhaus, das nebenan gebaut wird – ovale Form, edle Holzfassade. Er selbst findet es schön. Aber der Anwohner meint: „Wir hatten einen strengen Bebauungsplan. Hier scheint er nicht zu gelten.“ Söll beteuert, dass er sich in diesem Bereich nicht auskennt. Am Ende seines Rundgangs ist er aber zufrieden. „Kam doch ein bisschen was rum“, meint er munter und steigt in seinen Ford Focus.

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